Bardet-Biedl-Syndrom · Center of Excellence

Das Bardet-Biedl-Syndrom (BBS)

Das Bardet-Biedl-Syndrom (BBS) ist eine seltene komplexe erbliche Multisystemerkrankung, die durch eine Fehlfunktion der Zilien, winziger Zellfortsätze, verursacht wird.

Netzhautdystrophie (Retinitis pigmentosa), Adipositas, Nierenprobleme, Polydaktylie (mehr Finger oder Zehen), Hypogonadismus (Unterentwicklung der Geschlechtsorgane) und Lernbehinderungen gehören zu den Hauptsymptomen.

BBS erfordert das eng abgestimmte Zusammenspiel von spezialisierter Versorgung und Spitzenforschung. BBS Patienten sehen sich mit charakteristischen Merkmalen wie übermäßigem Essen sowie daraus resultierender Fettleibigkeit, Netzhautdegeneration und Niereninsuffizienz konfrontiert. Die Behandlung von BBS benötigt daher eine koordinierte Strategie, die über die reine Symptombehandlung deutlich hinausgeht.

Das BBS Center of Excellence versammelt daher ein inter­disziplinäres Team, das sich der Erforschung von Zusammenhängen zwischen Endokrinologie, Genetik, Neurowissenschaften und Stoffwechsel, mit dem Folkus auf deren Regulation über die Melanocortin-Rezeptor-Signalwege widmet. Auch in der um­fassenden Ver­sorgung von Patientinnen und Patienten mit BBS sowie verwandten seltenen genetischen Erkran­kungen arbeiten Ärztinnen und Ärzte ver­schiedener Fach­richtungen gemeinsam mit speziali­sierten Pflege­kräften, Thera­peutinnen, Wissen­schaftlern und Koordi­natoren zusammen. Forschung, Diag­nostik und Therapie werden durch die enge Kooperation mit inter­nationalen Experten­gruppen ständig verbessert. Das BBS Center of Excellence begleitet Betroffene sowie ihre Familien langfristig und individuell. In die Versorgung fließen die neuesten wissen­schaftlichen Erkennt­nisse mit ein.

 

Fakten zum Bardet-Biedl-Syndrom

  • Vererbung:* BBS wird autosomal-rezessiv vererbt. Mutationen in über 25 bekannten Genen (BBS1-BBS21+) sind dafür verantwortlich, was zu einer hohen genetischen Heterogenität führt.
  • Häufigkeit: BBS ist eine seltene Erkrankung mit einer Prävalenz von etwa 1:125.000 bis 1:175.000 in Europa.
  • Diagnose: Die Diagnose BBS gestaltet sich oft schwierig und erfolgt spät aufgrund der variablen Symptome.  Eine gesicherte Diagnose wird durch molekulargenetische Untersuchungen, insbesondere Next Generation Sequencing, gestellt.

Definition

Das Bardet-Biedl-Syndrom (BBS) ist eine seltene Erbkrankheit, die zur Gruppe der Ziliopathien gehört. Es zeichnet sich durch eine hohe klinische und genetische Heterogenität aus. Zu den Hauptsymptomen zählen Retinopathia pigmentosa (eine Augenerkrankung), Adipositas (Übergewicht), Polydaktylie und Fehlbildungen der Nieren.

Die Diagnose

BBS basiert auf den klinischen Merkmalen und dem molekulargenetischen Nachweis der Genmutation. Bildgebende Verfahren werden eingesetzt, um die verschiedenen Organfehlbildungen darzustellen.

Abgrenzung

Historisch wurde das Bardet-Biedl-Syndrom häufig mit dem Laurence-Moon-Syndrom verwechselt. Beide Erkrankungen weisen ähnliche Symptome auf, werden heute aber in der Regel als separate Entitäten betrachtet.

Symptome

Die klinischen Symptome variieren stark von Patient zu Patient und hängen vom betroffenen Gen ab. BBS ist durch eine Reihe von Symptomen gekennzeichnet, darunter eine dünne Oberlippe, Hypogonadismus, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Minderwuchs, Muskelhypotonie, Nierenversagen, Intelligenzminderung und Schwerhörigkeit.

  • Augen: Die Betroffenen (90–100%) leiden unter einer fortschreitenden Sehverschlechterung, die als Retinopathia pigmentosa bezeichnet wird. Die fortschreitende retinale Dystrophie, die sowohl Zapfen als auch Stäbchen betrifft tritt in der Regel frühzeitig auf und äußert sich zunächst durch Nachtblindheit. Fast alle Patienten verlieren im 3. Lebensjahrzehnt ihr Sehvermögen vollständig. Weitere mögliche Symptome sind Myopie, Astigmatismus, Strabismus und Katarakte.
  • Stoffwechsel: Starke Adipositas ist ein häufiges Symptom, oft bedingt durch unkontrollierbaren Hunger (Hyperphagie) das auf Störungen verschiedener neuroendokriner Signalwege zurückzuführen ist.
  • Gesichtsdysmorphien: Sie können tief liegende Augen, Hypertelorismus, nach unten geneigte Lidspalte, breite Stirn, flachen Nasenrücken, antevertierte Nasenlöcher und ein langes Philtrum umfassen.
  • Nieren: Die Nierenfunktion kann eingeschränkt sein und es können Zysten entstehen.
  • Entwicklung: Lernschwächen oder kognitive Einschränkungen sind ebenfalls möglich.
  • Finger/Zehen: Polydaktylie, also das Vorhandensein zusätzlicher Finger oder Zehen, ist ein häufiges Symptom. Die Fehlbildungen der Gliedmaßen treten bei 63 bis 81% der Fälle auf, wobei die Zehen häufiger als die Finger betroffen sind. Weitere radiologisch erkennbare Fehlbildungen sind verkürzte Mittelhand-, Mittelfuß- und Fingerknochen.

Therapie

Derzeit gibt es keine Heilung und keine ursächliche Therapie für das Bardet-Biedl-Syndrom (BBS). Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und erfolgt durch ein interdisziplinäres Team aus Spezialisten wie Endokrinologen, Nephrologen und Augenärzten. Ein maßgeschneidertes Ernährungsmanagement spielt eine entscheidende Rolle.

Epidemiologie

Das Bardet-Biedl-Syndrom ist eine seltene Erkrankung. Die Prävalenz liegt in Europa bei etwa 1 zu 160.000. In anderen Populationen, wie beispielsweise in Neufundland, ist die Häufigkeit deutlich höher (1 zu 18.000). Inzest erhöht das Risiko, an dieser Erbkrankheit zu erkranken.

Mutationen in verschiedenen Genen, die für BBS-Proteine kodieren, die für die Zilienfunktion unerlässlich sind, lösen die Erkrankung aus. Einige dieser Proteine (BBS 1, 2, 4, 5, 7, 8, 9 und 18) bilden einen Komplex, der BBSome genannt wird und den antero- und retrograden Vesikeltransport innerhalb des Ziliums reguliert. Die anderen Proteine unterstützen die Bildung des BBSomes als Chaperone oder Cofaktoren.

*Die Vererbung erfolgt in der Regel autosomal-rezessiv.
  Bis 2023 wurden 22 verschiedene Gene mit dem Bardet-Biedl-Syndrom assoziiert:

  • BBS1: Mutation betrifft das Gen BBS1 am Genlokus 11q13.
  • BBS2: Mutation betrifft das Gen BBS2 am Genlokus 16q13.
  • BBS3: Mutation betrifft das Gen ARL6 am Genlokus 3q11.
  • BBS4: Mutation betrifft das Gen BBS4 am Genlokus 15q22.
  • BBS5: Mutation betrifft das Gen BBS5 am Genlokus 2q31.
  • BBS6: Mutation betrifft das Gen MKKS am Genlokus 20p12.
  • BBS7: Mutation betrifft das Gen BBS7 am Genlokus 4q27.
  • BBS8: Mutation betrifft das Gen TTC8 am Genlokus 14q32.
  • BBS9: Mutation betrifft das Gen BBS9 am Genlokus 7p14.
  • BBS10: Mutation im Gen BBS10 am Genlokus 12q21
  • BBS11: Mutation im Gen TRIM32 am Genlokus 9q33
  • BBS12: Mutation im Gen BBS12 am Genlokus 4q27
  • BBS13: Mutation im Gen MKS1 am Genlokus 17q23
  • BBS14: Mutation im Gen CEP290 am Genlokus 12q21
  • BBS15: Mutation im Gen WDPCP am Genlokus 2p15
  • BBS16: Mutation im Gen SDCCAG8 am Genlokus 1q43
  • BBS17: Mutation im Gen LZTFL1 am Genlokus 3p21
  • BBS18: Mutation im Gen BBIP1 am Genlokus 10q25
  • BBS19: Mutation im Gen IFT27 am Genlokus 22q12
  • BBS20: Mutation im Gen IFT172 am Genlokus 9p21
  • BBS21: Mutation im Gen CFAP418 am Genlokus 8q22
  • BBS22: Mutation im Gen IFT74 am Genlokus 9p21